Das Märchen von der Guten, Alten Zeit

Es wird heute so gerne von der guten, alten Zeit geredet. Bei genauer Betrachtung war sie keineswegs gut, aber das menschliche Gedächtnis färbt vergangene Zeiten immer etwas rosa, und natürlich gab es auch schöne Momente. Andererseits würde wohl kaum einer unserer Zeitgenossen noch einmal zurück mögen.
Wie war es denn ?
Geschichtliches
Über die Zeit vor dem ersten Weltkrieg geben die Seiten des Hamburger und des Bremerhavener Auswanderermuseums eine beredte Auskunft: Es war für viele Menschen, vor allem auf dem Lande, eine sehr arme Zeit. Im Laufe der Jahre entflohen Millionen der Armut, indem sie die Heimat verließen.
1914-1918 Erster Weltkrieg. Innerhalb Deutschlands wurde zwar nicht gekämpft, aber am Ende betrug die Zahl der Toten und Verwundeten viele Millionen.
1918 verliert Deutschland den Krieg, der Versailler Vertrag verpflichtet Deutschland zu hohen Reparationen. Viele Deutsche verstehen die Zusammenhänge nicht, weder das Kriegsende noch die beginnende Demokratie.
1918, der bis dahin verehrte Kaiser muss Deutschland wegen seiner gescheiterten Politik verlassen, Deutschland wird Demokratie, jedoch immer wieder flammen bewaffnete Putschversuche von rechts und links in den nächsten Jahren auf.
1919 geht der Winter als sog. Hungerwinter in die Geschichte ein. Die Banken beginnen, Notgeld herauszugeben.
1920 Abstimmung über den Verbleib von Nordschleswig.
1922/23 Hyperinflation. Geldscheine über Milliarden und sogar Billionen Mark werden ausgegeben und sind doch innerhalb weniger Tage schon fast wertlos. Die Preise steigen schließlich täglich. Im November 1923 heißt der Umtauschkurs zum US-Dollar
1 $ = 4,2 Billionen Mark. (1 Billion ist eine 1 mit 12 Nullen.)
Große Teile der Bevölkerung verarmen. Der morgens ausgezahlte Lohn war abends schon entwertet.
 
Mit der Rentenmark (Nov. 1923, ab 1924 Reichsmark) beginnen für einen kleinen Teil der Bevölkerung die sog. Golden Twenties.
Das Ruhrgebiet wird von Frankreich besetzt (1923 bis 1925).
1929 lässt die Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen, die Arbeitslosenunterstützung ist völlig unzureichend.
1933 Beginn des Dritten Reiches
1936 Beginn des Marinearsenals Fahrenkrug
1939-1945 Zweiter Weltkrieg.
Am Ende gibt es wieder Abermillionen Tote, die Verwundeten hat keiner mehr gezählt. Es gibt Millionen von Ausgebombten und Millionen von Heimatvertriebenen. Deutschland verliert große Gebietsteile im östlich der Oder-Neiße-Gremze, die meisten seiner Städte sind zerstört. Die Bevölkerung hungert und friert. Das Land ist in vier Besatzungszonen geteilt.

Briefmarke der DDR mit Propaganda.

Notopfer Berlin musste auf jede Postsendung geklebt werden.
(1948 - 1956)

 
1948 Währungsreform. Die D-Mark kommt. Die UdSSR beginnt mit der Blockade Westberlins.
1949 Gründung der Bundesrepublik und Gründung der Deutschen Demokratischen Republik.
1957 Rückkehr des Saarlandes (nach dem 2. Weltkrieg zu Frankreich)

Briefmarke des Saarlandes mit französischer Preisangabe

 

 

Alle Fotos: Peter Koch

 
1961 Bau der Berliner Mauer
1989 Fall der Berliner Mauer
1990 Wiedervereinigung Deutschlands
Über die näher liegende Zeit mag sich jeder selbst Gedanken machen. Aber die vorstehende Aufzählung sollte ausreichen, um die sog. Gute, Alte Zeit in etwas anderem Licht erscheinen zu lassen.
Zu einer Frage sei noch eine Überlegung erlaubt: Wann war die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges für die Bevölkerung zu Ende. Man könnte die Währungsreform oder die Gründung der Bundesrepublik nennen, aber das trifft das Alltagsleben vieler Menschen nicht. In Wahlstedt wurden die letzten Barackenunterkünfte erst nach 1960 abgerissen, in vielen anderen Orten war es ähnlich. Das bedeutet, dass viele Menschen erst um 1960 herum wieder an ein normales Leben denken konnten.
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Alltagsleben
Das Alltagsleben der Wahlstedter war hart. Der Sandboden ist hier von schlechter Qualität, viele Höfe waren klein. Zeitzeugen der Vorkriegszeit berichteten von Armut. Indizien dazu finden sich auch in unserem Museum.
Für die Arbeit gab es kaum maschinelle Hilfe. Die Bäuerinnen hatten von morgens bis abends mit dem Vieh, dem Melken, der Küche, der Wäsche und schließlich auch den Kindern zu tun.
Die Bauern und Knechte halfen beim Vieh, arbeiteten auf dem Feld (pflügen, säen, ernten, Rüben verziehen, düngen, …), stachen Torf oder holten Holz aus dem Wald, mistete den Stall aus. War das Tageslicht abends für die Feldarbeit zu schwach, konnte man auf dem Hof immer noch etwas tun, z.B. in der Erntezeit die Sensen dengeln. Alles war mehr oder weniger schwere körperliche Arbeit, kein Motor, kein Trecker half dabei, nur die Pferde.
Der Bauer besaß wenigstens noch seinen Hof, aber Knechte und Mägde hatten oft nicht viel mehr als nur ihre Kleidung. Der Bauer stellte eine einfache Schlafstelle zur Verfügung und die Bäuerin sorgte für Essen und Trinken. Dass die Kinder dabei mehr zur Arbeit als zur Schule angehalten wurden, versteht sich fast von selbst. Auch die Handwerker in den Dörfern konnten dabei keinen Reichtum gewinnen.
Für einfache Leute war es auch in den Städten nicht besser. Es sei nur daran erinnert, dass in der Kaiserzeit in Fabriken oft die 72-Stunden-Woche herrschte, 6 Tage zu je 12 Stunden harter Arbeit. Heute undenkbar.
Schauen Sie bitte auch unter Wasser und Elektrizität nach.
Kommen Sie ins Museum und lassen Sie sich mehr erzählen.
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